1827 bis 1859

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Reisen durch die Entwicklung der Massenverkehrsmittel Eisenbahn und Dampfschiff einer immer breiter werdenden, allerdings begüterten Schicht möglich, die nicht mehr nur zu Bildungs-, sondern auch zu Vergnügungszwecken aufbrach. Dazu brauchte man Informationen über Reisegebiete, Verkehrswege, Übernachtungsmöglichkeiten usw. Karl Baedeker (1801 – 1859), Sohn einer alteingesessenen Buchdrucker- und Verlegerfamilie und selbst begeisterter Reisender, entdeckte den neuen Markt für Reiseführer und wurde als Autor und Verleger für Reisehandbücher über die Grenzen Deutschlands hinaus erfolgreich tätig. Man kann ihn mit Fug und Recht als den Erfinder des modernen Reiseführers bezeichnen.

Karl Baedeker wurde am 3. November 1801 in Essen geboren und absolvierte in Heidelberg zunächst eine Buchhändlerlehre, bevor er dort Geisteswissenschaften studierte. Am 1. Juli 1827 eröffnete er in Koblenz eine Verlagsbuchhandlung. Fünf Jahre später erwarb er den Verlag von Friedrich Röhling, wo 1828 u.a. die »Rheinreise von Mainz bis Cöln, Handbuch für Schnellreisende« des Historikers J.A. Klein erschienen war. Das Interesse an einem diese Strecke erläuternden Buch war groß, war doch schon 1827 der regelmäßige Schifffahrtsverkehr zwischen Köln und Mainz mit der Preußisch-Rheinischen Dampfschifffahrtsgesellschaft aufgenommen worden. So druckte Baedeker 1832 die »Rheinreise« unverändert nach, lediglich ergänzt um eine „Rheinlaufkarte“. Für die zweite, 1835 erschienene Auflage überarbeitete und erweiterte Karl Baedeker die »Rheinreise« um die Strecken nach Basel bzw. Rotterdam.

Die bis heute geltenden und schon damals schnell zu großem Erfolg führenden Maximen seiner Reisehandbücher setzte er erstmals 1839 in seiner dritten Auflage der »Rheinreise« sowie in den Bänden »Belgien« und »Holland« um: systematische Dreiteilung (»allgemeine Übersicht«, detaillierte Beschreibung aller »Merkwürdigkeiten« und »praktische Hinweise«), hohe Aktualität, gute Stadtpläne und leichte Handhabung. Im Vordergrund seiner Arbeit stand das »practische Bedürfnis« des Reisenden, den er »aus der Abhängigkeit der Lohnbedienten« (= professionelle Schlepper) befreien wollte.Um größtmögliche Genauigkeit zu erreichen, machte sich Karl Baedeker selbst auf Erkundungsreise – Informationen aus zweiter Hand lehnte er ab oder kennzeichnete sie entsprechend. So verfasste er 1842 auch sein Hauptwerk noch selbst, den umfangreichen Band »Deutschland und der Oesterreichische Kaiserstaat«, ebenso wie seinen überaus erfolgreichen Lieblingsband, die »Schweiz« (1844). Zwei Jahre später führte er die Baedeker-Sterne und den roten Einband mit Goldprägung ein. Die Sterne gelten seither nicht nur als Markenzeichen des Verlags, sondern waren lange Zeit auch die höchste Auszeichnung, die es im Fremdenverkehr gab. Karl Baedekers letztes Werk, »Paris und Umgebung«, erschien 1855. Vier Jahre später, am 4. Oktober 1859, starb er im Alter von 58 Jahren.

Die sprichwörtliche Akribie von Karl Baedeker illustriert eine Anekdote: Sie berichtet vom Zusammentreffen des westfälischen Freiherrn Gisbert von Vincke mit Baedeker im Jahr 1847, wie sie beide gleichzeitig den Mailänder Dom bestiegen. Dabei wunderte sich der Freiherr über das merkwürdige Treiben des ihm noch unbekannten Herrn, der häufig in seine Westentasche und anschließend in die Hosentasche griff. Baedeker erklärte ihm, dass er so die Stufen genau abzähle: Alle zwanzig Stufen stecke er eine Erbse von der Westen- in die Hosentasche, rechne oben die Endsumme aus und mache beim Hinabsteigen die Gegenprobe: ein echter Erbsenzähler.