Verlag und Redaktion

Das Leipziger Verlagshaus

Verlagsgeschichte

„Kings and governments may err but never Mr. Baedeker“ (Aus der englischen Übersetzung des Librettos zu Jacques Offenbachs Operette „La Vie Parisienne“).

Zugegeben – der Glaube an die Unfehlbarkeit der Baedeker-Reiseführer mag doch etwas übertrieben sein und würde auch vom Verlagsgründer selbst nicht für seine Reiseführer eingefordert werden, so akribisch und gewissenhaft er auch vor über 180 Jahren seine ersten Reisehandbücher verfasste. Dass sich aber das Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Genauigkeit der Baedeker-Reiseführer so entwickeln und im Laufe der Jahrzehnte halten konnte, das ist der Arbeit des Verlagsgründers Karl Baedeker und seiner Nachfolger zu verdanken. Mit Entdeckerfreude, großer Lust am Reisen und nicht nachlassender Gründlichkeit durchstreifen die Baedeker-Redakteure nun seit seit Mitte des 19. Jahrhunderts Länder und Kontinente, immer auf der Suche nach den schönsten Sehenswürdigkeiten, den besten Hotels und Restaurants, den bequemsten Reisemöglichkeiten und lauschigsten Plätzchen.

Karl Baedeker

1827 bis 1859

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Reisen durch die Entwicklung der Massenverkehrsmittel Eisenbahn und Dampfschiff einer immer breiter werdenden, allerdings begüterten Schicht möglich, die nicht mehr nur zu Bildungs-, sondern auch zu Vergnügungszwecken aufbrach. Dazu brauchte man Informationen über Reisegebiete, Verkehrswege, Übernachtungsmöglichkeiten usw. Karl Baedeker (1801 – 1859), Sohn einer alteingesessenen Buchdrucker- und Verlegerfamilie und selbst begeisterter Reisender, entdeckte den neuen Markt für Reiseführer und wurde als Autor und Verleger für Reisehandbücher über die Grenzen Deutschlands hinaus erfolgreich tätig. Man kann ihn mit Fug und Recht als den Erfinder des modernen Reiseführers bezeichnen.

Karl Baedeker wurde am 3. November 1801 in Essen geboren und absolvierte in Heidelberg zunächst eine Buchhändlerlehre, bevor er dort Geisteswissenschaften studierte. Am 1. Juli 1827 eröffnete er in Koblenz eine Verlagsbuchhandlung. Fünf Jahre später erwarb er den Verlag von Friedrich Röhling, wo 1828 u.a. die »Rheinreise von Mainz bis Cöln, Handbuch für Schnellreisende« des Historikers J.A. Klein erschienen war. Das Interesse an einem diese Strecke erläuternden Buch war groß, war doch schon 1827 der regelmäßige Schifffahrtsverkehr zwischen Köln und Mainz mit der Preußisch-Rheinischen Dampfschifffahrtsgesellschaft aufgenommen worden. So druckte Baedeker 1832 die »Rheinreise« unverändert nach, lediglich ergänzt um eine „Rheinlaufkarte“. Für die zweite, 1835 erschienene Auflage überarbeitete und erweiterte Karl Baedeker die »Rheinreise« um die Strecken nach Basel bzw. Rotterdam.

Die bis heute geltenden und schon damals schnell zu großem Erfolg führenden Maximen seiner Reisehandbücher setzte er erstmals 1839 in seiner dritten Auflage der »Rheinreise« sowie in den Bänden »Belgien« und »Holland« um: systematische Dreiteilung (»allgemeine Übersicht«, detaillierte Beschreibung aller »Merkwürdigkeiten« und »praktische Hinweise«), hohe Aktualität, gute Stadtpläne und leichte Handhabung. Im Vordergrund seiner Arbeit stand das »practische Bedürfnis« des Reisenden, den er »aus der Abhängigkeit der Lohnbedienten« (= professionelle Schlepper) befreien wollte.Um größtmögliche Genauigkeit zu erreichen, machte sich Karl Baedeker selbst auf Erkundungsreise – Informationen aus zweiter Hand lehnte er ab oder kennzeichnete sie entsprechend. So verfasste er 1842 auch sein Hauptwerk noch selbst, den umfangreichen Band »Deutschland und der Oesterreichische Kaiserstaat«, ebenso wie seinen überaus erfolgreichen Lieblingsband, die »Schweiz« (1844). Zwei Jahre später führte er die Baedeker-Sterne und den roten Einband mit Goldprägung ein. Die Sterne gelten seither nicht nur als Markenzeichen des Verlags, sondern waren lange Zeit auch die höchste Auszeichnung, die es im Fremdenverkehr gab. Karl Baedekers letztes Werk, »Paris und Umgebung«, erschien 1855. Vier Jahre später, am 4. Oktober 1859, starb er im Alter von 58 Jahren.

Die sprichwörtliche Akribie von Karl Baedeker illustriert eine Anekdote: Sie berichtet vom Zusammentreffen des westfälischen Freiherrn Gisbert von Vincke mit Baedeker im Jahr 1847, wie sie beide gleichzeitig den Mailänder Dom bestiegen. Dabei wunderte sich der Freiherr über das merkwürdige Treiben des ihm noch unbekannten Herrn, der häufig in seine Westentasche und anschließend in die Hosentasche griff. Baedeker erklärte ihm, dass er so die Stufen genau abzähle: Alle zwanzig Stufen stecke er eine Erbse von der Westen- in die Hosentasche, rechne oben die Endsumme aus und mache beim Hinabsteigen die Gegenprobe: ein echter Erbsenzähler.

Am 1. Juli 1927 feierte die Belegschaft
das 100-jährige Firmenjubiläum.

1859 bis 1925

Ernst und Karl Baedeker jr.

Nach Karl Baedeker leiteten seine Söhne Ernst und Karl den Verlag — Ernst (1833 – 1861), der mit großen Plänen angetreten war, nur knapp drei Jahre, bevor er im Alter von gerade 28 Jahren plötzlich verstarb, und Karl (1837 – 1911) nur sieben Jahre, bis er sich mit 40 Jahren wegen einer psychischen Erkrankung zurückzog. Unter Ernsts Ägide erschien 1861 erstmals ein Baedeker in englischer Sprache, »The Rhine«, was Karl mit weiteren Titeln forcierte.

Fritz Baedeker

Karl Baedekers dritter Sohn Fritz (1844 -1925) führte den Verlag zu seiner größten Blüte. Schon 1870, ein Jahr nachdem er Geschäftsführer geworden war, wurde die Buchhandlung der Familie verkauft, um alle Energien in die Produktion von Reiseführern stecken zu können. Und wirklich gelang dem Verlag in den folgenden Jahren der Durchbruch auf dem internationalen Markt.

Zunächst aber zog die Firma 1872 von Koblenz in die Verlagsmetropole Leipzig um und suchte die Gesellschaft anderer namhafter Buchhersteller wie Brockhaus, Reclam oder Meyer. Bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs erweiterte Fritz Baedeker das Verlagsprogramm und passte seine Reiseführer inhaltlich und formal den veränderten Reisegewohnheiten an: Der westeuropäische Reisende der Jahrhundertwende machte sich bildungshungrig auf den Weg, um fremde Kulturen mit potenziellen Handelspartnern kennen zu lernen und wollte dazu bei den Daheimgebliebenen mit seinem Wissen über exotische Länder glänzen. So erschienen deutsch-, englisch- und französischsprachige Baedeker-Reiseführer nicht nur über europäische Länder wie »Schweden und Norwegen« (1879), »Spanien und Portugal« (1897) oder »Mittelmeer« (1909), sondern auch über »Russland« (1883), »Nordamerika« (1893) und »Canada« (1894) bis hin zu »Palästina und Syrien« (1875) und »Indien« (1914). Um die Fülle der Angaben unterbringen zu können, entstand der typische sachlich-knappe »Baedeker-Stil« mit stichwortartigen Hinweisen und vielen Zusatzinformationen in Klammern, dies alles in übersichtlicher Gliederung und mit äußerst präzisen Karten garniert. Die Informationen lieferte ein weit verzweigtes Netz fachkundiger Mitarbeiter und Redakteure.

Die unter Fritz Baedeker herausgegebenen Bände stellen auch ein Stück Zeit- und Tourismusgeschichte dar: So empfiehlt der »Indien«-Baedeker von 1914, in das Reisegepäck neben »den Lackhalbschuhen für den Gesellschaftsanzug, …, Tropenhut, …, Morgenschuhen, … und Reisemütze« auch »ein vollständiges Bett und … ein eigenes Waschbecken« einzuplanen. Lawrence von Arabien hatte die 1912 erschienene 5. Auflage der englischen Ausgabe »Palestine and Syria« stets bei sich.

1925 bis 1943

Hans Baedeker
Gemeinsam mit seinen Brüdern Ernst und Dietrich führte Hans Baedeker nach dem Tod seines Vaters Fritz 1925 den Verlag bis in die ersten Nachkriegsjahre. Das Reisen verlor in den wirtschaftlich schwierigen Jahren natürlich sehr an Bedeutung. Auch der enorme Luxus war kaum noch bezahlbar – statt mit Dienstboten und halbem Hausrat begab man sich zunehmend mit Zug oder Auto in nahe gelegenere Gebiete. So überarbeitete der Verlag im Wesentlichen die europäischen Titel und brachte deutsche Regionalbände heraus; Neuerscheinungen waren selten – bis auf den legendären »Ägypten«-Band von 1928, der erstmals in einem Reiseführer die Beschreibung des Tutanchamun-Grabs enthielt. Im Dritten Reich machte sich der Einfluss staatlicher Stellen im Programm bemerkbar. Gewünscht waren propagandaträchtige Titel wie »Madeira« als Ziel von KdF-Schiffen oder der Autoführer »Deutsches Reich«. Auch inhaltlich wurde Einfluss genommen – so musste die Darstellung von militärischen Objekten, aber auch von Synagogen in den Karten entfallen. Tiefpunkt jener Zeit war sicher das Erscheinen des Bandes »Generalgouvernement« 1943. Im Dezember desselben Jahres legte ein Bombenangriff das Leipziger Verlagsgebäude in Schutt und Asche.

Der Name »Baedeker« kam im Zweiten Weltkrieg zu zweifelhaften Ehren: Die deutschen Bombenangriffe auf die kulturhistorisch wichtigen Städte Bath, Canterbury, Exeter, Norwich und York vom April bis Juni 1942 wurden in England bald als »Baedeker raids« bzw. »Baedeker Blitz« bezeichnet. Die als Vergeltung für einen britischen Angriff auf Lübeck gedachten Bombardements waren von der NS-Propaganda als »nach der Besternung im Baedeker ausgewählt« angekündigt worden.

Baedekers Beitrag zur Demokratisierung des Reisens: die Autoführer

Von 1948 bis heute

Schon drei Jahre nach Kriegsende kam wieder ein erstes kleines Stadtbändchen über Leipzig heraus.

Ein Urenkel des Firmengründers, Karl Friedrich Baedeker (1910 – 1979), gründete 1948 im holsteinischen Malente eine neue Firma unter altem Namen, die 1956 nach Freiburg im Breisgau umzog. Herausgegeben wurden Stadt- und Regionalführer. 1951 schlossen sich in Stuttgart Karl Friedrich Baedeker und der durch die Herausgabe des Shell-Straßenatlas bekannt gewordene Verleger und Kartograf Kurt Mair (1902 – 1957) zu »Baedekers Autoführer-Verlag« zusammen, um praktische Reiseführer für die neue Klientel der Autotouristen zu schaffen – die »Baedekers Shell-Autoführer« waren geboren. Es folgten große Autoführer über viele europäische Staaten.

Ende der 1960er-Jahre gewann mit den »Neckermann-Reisen« das Flugzeug als Massentransportmittel allmählich Bedeutung; schon 1968 überstieg die Zahl der Auslandsreisen die derjenigen im Inland. Außerdem wurden kurze Städtetrips beliebt – die Zeit der Autoreiseführer war vorbei. Daher erschien 1974 der erste Baedeker der Nachkriegszeit mit einem Ziel in Übersee: Baedekers »USA«. In Format und Gliederung knüpfte er wieder an die traditionellen roten Reiseführer an. Zwei Jahre zuvor war der Verlag von Stuttgart nach Ostfildern-Kemnat im Kreis Esslingen in das neue Verlagshaus der Mair-Gruppe umgezogen. An der Spitze des Verlags stand schon seit vielen Jahren Dr. Volkmar Mair, der Sohn des 1957 verstorbenen Kurt Mair.

Im Frühjahr 1979 stellte der Baedeker Autoführer-Verlag die neue Baedeker Generation vor: die Baedeker Allianz Reiseführer. Sie waren die ersten vierfarbig gedruckten Reiseführer des Verlags, üppig ausgestattet mit vielen Bildern und völlig neuen, ebenfalls vierfarbigen Karten. Damit setzte Baedeker auch in der Optik von Reiseführern neue Maßstäbe. Die Zusammenarbeit mit der Allianz AG erwies sich als ideal: Zwei starke Markennamen und ein überzeugendes Konzept brachten der neuen Serie auf Anhieb einen überwältigenden Auftritt: Baedeker gewann die Marktführerschaft im hochpreisigen Segment und erreichte – mit Übersetzungen in zwischenzeitlich zehn Sprachen – wieder weltweite Geltung. Bis heute sind 160 deutschsprachige Titel herausgebracht worden (zum Vergleich: 1835 bis 1948 waren es 70 neue Titel). Mit der Reihe der Baedeker Allianz Reiseführer hat der Verlag den Erfolg der Anfangsjahrzehnte sogar noch weit übertroffen und ihn 2005 wiederholt mit der sehr aufwendigen grafischen und inhaltlichen Auffrischung der gesamten Reihe. Mit italienischen, englischen, tschechischen und polnischen Ausgaben wird auch der fremdsprachige Markt wieder gezielt erschlossen.

2013

Das Jahr 2013 sieht wieder eine neue Baedeker-Generation: Unter dem Motto »Wissen öffnet Welten« präsentiert Baedeker umfangreiches Reisewissen und führt als erster Reisführer überhaupt Infografiken ein.

Der Verlag Karl Baedeker ist heute eine 100%ige Tochter von MAIRDUMONT.